Bewusstsein


Bewusstsein

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Be|wusst|sein [bə'vʊstzai̮n], das; -s:
1. Zustand geistiger Klarheit; volle Herrschaft über seine Sinne:
bei dem schrecklichen Anblick verlor sie das Bewusstsein; sie ist wieder bei Bewusstsein (ist wieder zu sich gekommen, in klarer geistiger Verfassung).
Syn.: Besinnung.
2. Zustand, in dem man sich einer Sache, der Dinge, Vorgänge bewusst ist; das Wissen um etwas:
das Bewusstsein ihrer Macht erfüllte sie mit Stolz; er hat das Bewusstsein, seine Pflicht getan zu haben; kein Bewusstsein für Menschenrechtsverletzungen haben; etwas ins allgemeine Bewusstsein bringen (etwas allgemein bewusst machen, in Erinnerung bringen).
Syn.: Gewissheit, Überzeugung.
Zus.: Geschichtsbewusstsein, Machtbewusstsein, Pflichtbewusstsein, Schuldbewusstsein, Selbstbewusstsein.
3. Gesamtheit der Überzeugungen eines Menschen, die von ihm bewusst vertreten werden:
das politische Bewusstsein eines Menschen.
Zus.: Klassenbewusstsein.

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Be|wụsst|sein 〈n.; -s; unz.〉
1. geistige Klarheit, Besinnung
2. das Wissen um etwas (eine Sache, einen Zusammenhang u. a.)
3. Gesamtheit der von jmdm. bewusst vertretenen Ansichten u. Grundsätze
● das \Bewusstsein verlieren ohnmächtig werden; das \Bewusstsein wiedererlangen aus der Ohnmacht erwachen, zur Besinnung kommen; er starb, ohne das \Bewusstsein wiedererlangt zu haben ● politisches, religiöses \Bewusstsein ● er ist (nicht) bei \Bewusstsein; im \Bewusstsein seiner Stärke; jmdn. ins \Bewusstsein zurückrufen; die Tat geschah bei od. mit vollem \Bewusstsein; jmdm. etwas zum \Bewusstsein bringen; wieder zu(m) \Bewusstsein kommen die Besinnung wiedergewinnen, aus der Ohnmacht erwachen; mir ist erst jetzt zum \Bewusstsein gekommen, dass ... mir ist erst jetzt klargeworden, dass

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Be|wụsst|sein , das; -s, -e <Pl. selten>:
1.
a) Zustand, in dem man sich einer Sache bewusst ist; deutliches Wissen von etw., Gewissheit:
das B. seiner Kraft erfüllte ihn;
er hatte das bedrückende B., versagt zu haben;
in dem/im B., ihre Pflicht getan zu haben, ging sie nach Hause;
etw. ins allgemeine B. bringen;
ein B. für (selten: über, um) etw. haben, entwickeln;
sie rief sich den Vorgang in ihr B. zurück (machte sich ihn wieder bewusst);
etw. mit B. (bewusst, wissentlich) erleben;
etw. mit [vollem] B. (absichtlich) tun;
jmdm. zu/(auch:) zum B. kommen (jmdm. bewusst, klar werden: allmählich kam ihr zu B., dass ihre Methode falsch war);
b) Gesamtheit der Überzeugungen eines Menschen, die von ihm bewusst vertreten werden:
mein B. änderte sich durch diese Begegnung;
das geschichtliche B. des deutschen Volkes;
das sozialistische B. der Bevölkerung entwickeln;
c) (Psychol.) Gesamtheit aller jener psychischen Vorgänge, durch die sich der Mensch der Außenwelt u. seiner selbst bewusst wird:
etw. tritt über die Schwelle des -s.
2. Zustand geistiger Klarheit; volle Herrschaft über seine Sinne:
das B. verlieren;
das B. wiedererlangen (zur Besinnung kommen);
bei vollem B. (ohne Narkose) operiert werden;
wieder zu
B. (zu sich) kommen.

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Bewusstsein,
 
die Beziehung des Ich auf einen äußeren oder inneren Gegenstand; das unmittelbare Wissen des Subjekts um geistige und seelische Zustände, die es erfährt; auch das Aufmerken auf einzelne Erlebnisse.
 
In der Psychologie werden unterschieden: Bewusstseinsinhalt (Objekt), das, was bewusst ist oder sein kann; das Ich (Subjekt), dasjenige, dem etwas bewusst ist; Gegenstandsbewusstsein, das Wissen des Subjekts um die Objekte des Erlebens. Unter dem Aspekt des Gegenstandsbezugs erscheint das Bewusstsein als intentional, auf Inhalte gerichtet, als »Bewusstsein von etwas« (F. Brentano, E. Husserl), unter dem Aspekt der Reflexivität als Ich-Bewusstsein, im weiteren Sinn auch Selbst-Bewusstsein, als »Wissen des Wissens« (Vorstellens, Meinens u. a.), Wissen um die Identität des eigenen Subjekts und der Persönlichkeit in den verschiedenen Bewusstseinsabläufen. Den Bewusstseinsumfang kennzeichnet die Anzahl der Inhalte, die gleichzeitig in das Bewusstsein treten können; jedoch kann jeweils nur eine begrenzte Menge von Inhalten gleichzeitig bewusst erfasst werden (Bewusstseinsenge). Die Bewusstseinsinhalte stehen infolge ihrer durchgängigen Ichbezogenheit in einem einheitlichen Zusammenhang (Einheit des Bewusstseins). Der Träger dieser Bewusstseinseinheit ist ein Einzelwesen (Individualbewusstsein), im übertragenen Sinn auch eine Gemeinschaft in Form ihrer gemeinsamen Anschauungen und Handlungsbereitschaften (Kollektivbewusstsein oder Gesamtbewusstsein, z. B. Gruppenbewusstsein, Standesbewusstsein, Klassenbewusstsein).
 
Nach dem Grad des Bewusstseins unterscheidet man verschiedene Bewusstseinsstufen oder Bewusstseinsgrade, die von der Bewusstlosigkeit über Zustände der Bewusstseinstrübung (Dämmerzustand, Benommenheit) bis zu höchster Bewusstseinsklarheit reichen können. Die Bewusstseinsschwelle ist die Grenze, an der unbewusste Inhalte in das Bewusstsein treten. Veränderte (alterierte) Bewusstseinszustände werden u. a. im Traum, in Hypnose, Meditation und unter Einwirkung v. a. psychedelischer Drogen erfahren.
 
Die Psychologie war bis Ende des 19. Jahrhunderts auf die Erforschung bewusster Seelenvorgänge beschränkt (Bewusstseinspsychologie). Die Psychoanalyse erkannte die grundlegende Bedeutung der nicht bewussten psychischen Inhalte, des Unbewussten.
 
 
Der Begriff »Bewusstsein« wurde 1719 durch C. Wolff als Lehnübersetzung von lateinisch »conscientia« (Bewusstsein als »bewusstes Wissen«, »Bewusst-Sein« und als »Gewissen«) in die philosophische Terminologie eingeführt (in: »Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt«). Der neuzeitliche Bewusstseinsbegriff wurde von R. Descartes geprägt, der ihn vom Gewissensbegriff löste und im Bewusstsein das den Menschen charakterisierende Wesensmerkmal erblickte. Im Rahmen seiner grundlegenden Unterscheidung von Res cogitans (lateinisch, »denkende Substanz«, den Bewusstseinsakten zugrunde liegende Seelensubstanz) und Res extensa (lateinisch, »ausgedehnte Substanz, Materie«) fasste Descartes Bewusstsein als Oberbegriff zu Verstehen, Einbilden, Fühlen, Wollen, Zweifeln u. a. Als sicheres Wissen um die innere Zuständlichkeit (z. B. den Zweifel) findet sich auch schon die reflexive Verwendung des Bewusstseinsbegriffs. - G. W. Leibniz unterschied die Perzeption als den »inneren Zustand der Monade, der die äußeren Dinge repräsentiert«, von der Apperzeption, dem »Bewusstsein (französisch conscience) oder der reflexiven Kenntnis dieses inneren Zustandes«. J. Locke und D. Hume verstanden unter Bewusstsein das Wissen um innere Erlebnisse, das nach Hume niemals täuschen kann. Im Unterschied zu Descartes verwarfen sie allerdings die Annahme, dass hinter dem Bewusstsein eine Seelensubstanz stehe; das Ich ist nur ein »Bündel oder eine Sammlung verschiedener Perzeptionen (Bewusstseinsinhalte), die mit unbegreiflicher Schnelligkeit aufeinander folgen und beständig im Fluss und in Bewegung sind« (Hume). I. Kant unterschied das empirische Bewusstsein als Einheit der mannigfaltigen Vorstellungen, bezogen auf das Ich, von einem transzendentalen Bewusstsein (ursprünglich synthetische Apperzeption, Selbst-Bewusstsein) als einheitstiftendem Bezugspunkt jeder möglichen Wirklichkeitskonstitution. Erst dadurch, dass »alles verschiedene empirische Bewusstsein in einem einigen Selbst-Bewusstsein verbunden« wird, besteht nach Kant die Voraussetzung für die Selbstkonstitution des Subjekts wie auch für die Konstitution von Objekten und von Wirklichkeit überhaupt. G. W. F. Hegel, der von der traditionellen Bestimmung des Bewusstseins als Beziehung des Ich auf einen inneren oder äußeren Gegenstand ausgeht, entwickelte im Rahmen seiner Lehre von der Selbstverwirklichung des Absoluten oder der Idee ein Stufenschema des Bewusstseins. Der Zustand des in Subjekt und Objekt gespaltenen endlichen Bewusstseins wird dadurch überwunden, dass sich der Geist über Bewusstsein und Selbst-Bewusstsein auf die Stufe der Vernunft erhebt (so ist die Phänomenologie des Geistes die Lehre vom Bewusstsein). Bei K. Marx ist Bewusstsein umfassender Ausdruck für die geistige Tätigkeit des Menschen. Bei E. Husserl bekommt der Bewusstseinsbegriff kategoriale Bedeutung als transzendentaler Erfahrungsrahmen. In der modernen, an L. Wittgenstein anschließenden Tradition werden im Rahmen der sprachanalytischen Geistphilosophie die Verwendungsweisen des Wortes »Bewusstsein« analysiert.
 
Bewusstsein wurde in der Philosophie der Vergangenheit teils als Erstgegebenheit betrachtet, z. B. vom Neuplatonismus, von Augustinus, Descartes, Husserl, teils als Epiphänomen, dem nur abgeleitete Bedeutung zukomme, so von realistischen und den materialistischen Strömungen bis hin zum Behaviorismus und Operationalismus. So versteht der Materialismus Bewusstsein als das höchste Entwicklungsprodukt der Materie (determiniert durch neurophysiologische Prozesse).
 
 
 
C. F. Graumann: B. u. Bewußtheit. Probleme u. Befunde der psycholog. B.-Forschung, in: Hb. der Psychologie, Bd. 1 (1966);
 
Die Psychologie des 20. Jh., Bd. 6: Lorenz u. die Folgen, hg. v. R. A. Stamm u. H. Zeier (Zürich 1978);
 K. R. Popper u. J. C. Eccles: Das Ich u. sein Gehirn (a. d. Engl., 1982).
 
 
E. Rothacker: Zur Genealogie des menschl. B. (1966);
 
B. Ein Zentralproblem der Wiss.en, hg. v. H.-W. Klement (1975);
 
H. Nohl: Das histor. B. (1979);
 
W. Aub: Die dialekt. Entwicklung des B. (1982);
 
R. O. Neugebauer: Identität u. historisch-polit. B. (1982);
 
H. Burbach: Das ethische B. (1984);
 
R. Enskat: Die Hegelsche Theorie des prakt. B. (1986);
 
D. C. Dennett: Philosophie des menschl. B. (a. d. Amerikan., 1994).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
psychophysiologische Grundlagen geistiger Prozesse
 
Unbewusstes und Überbewusstes
 

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Be|wụsst|sein, das; -s, -e <Pl. selten>: 1. a) Zustand, in dem man sich einer Sache bewusst ist; deutliches Wissen von etw., Gewissheit: das B. seiner Kraft erfüllte ihn; er hatte das bedrückende B., versagt zu haben; in dem/im B., seine Pflicht getan zu haben, ging er nach Hause; etw. ins allgemeine B. bringen; er rief sich den Vorgang in sein B. zurück (machte sich ihn wieder bewusst); etw. mit B. (bewusst, wissentlich) erleben; etw. mit [vollem] B. (absichtlich) tun; *etw. kommt jmdm. zu/(auch:) zum B. (etw. wird jmdm. bewusst, klar): allmählich kam ihm zu B., dass seine Methode falsch war; Aber dieses Drama kam mir erst viel später wieder zu B. (Wilhelm, Unter 53); b) Gesamtheit der Überzeugungen eines Menschen, die von ihm bewusst vertreten werden: das politische B. eines Menschen; das geschichtliche B. des deutschen Volkes; die SED bemühte sich vergeblich, das sozialistische B. der Werktätigen zu entwickeln; Ein Jahr Arbeitslosigkeit haben genügt, das B. meiner Tochter zu verändern (elan 1, 1980, 13); c) (Psych.) Gesamtheit aller jener psychischen Vorgänge, durch die sich der Mensch der Außenwelt und seiner selbst bewusst wird: eine Spaltung des -s; etw. tritt über die Schwelle des -s; vielleicht habe ich auch zwei, drei -e (B. Vesper, Reise 158). 2. Zustand geistiger Klarheit; volle Herrschaft über seine Sinne: das B. verlieren; das B. wiedererlangen (zur Besinnung kommen); Er ist bei B., aber sehr leise und resigniert (Chotjewitz, Friede 272); hörte das ... Herz endgültig auf zu schlagen. Ohne dass das B. wiedergekehrt war (Hackethal, Schneide 39); bei vollem B. (ohne Narkose) operiert werden; wieder zu
B. (zu sich) kommen.

Universal-Lexikon. 2012.

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